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Im Plau sch mi(d)t der Zeit

LESEPROBE

Mein Azteke

Die Kinder haben mir einen Azteken-Ofen geschenkt. Das war eine gute Idee. Läßt es sich doch am Feuer so herrlich meditieren.

Das Gebilde besticht durch eine Art Primitiv-Ästhetik, seine verblüffende Funktionalität. Unten ein dicker runder Bauch mit breitem Feuerloch, darüber ein langer Schornstein, fertig ist der Ofen. Mir macht schon Vorfreude, wenn ich seinen wohlgeformten Leib mit meinen Armen umschließe und ihn im Hof aufstelle. Dann wird Zeitungspapier geknüllt, mit dünnen Ästen überschichtet, Holzstücke darüber gebaut, und schon kann ich zündeln. Sofort brennt es lichterloh, raucht nicht. Flammen schlagen oben heraus, langsam erwärmt sich der ganze Ofen aus gebranntem Steingut.

Mir gefällt die erklärte Zwecklosigkeit des Unterfangens. Ich grille nicht, ich heize nicht, verbrenne keinen Unrat, um Entsorgungskosten zu sparen. Ich feuere nur, einfach so. L'art pour l'art - feuern um des Feuerns willen, an lauen Abenden eine Wonne. Das ist zwar zweckfrei, aber nicht sinnlos.

Ich habe Hemd durchnässend den Baum gefällt, mit Motorsäge auf Längen geschnitten, die bequem im Bauch des Azteken unterkommen, die Holzringe mit frisch geschärfter Axt in grobe Kloben zerhauen, aufgeschichtet, getrocknet. Mit kleinem Beil einen handlichen Vorrat Scheite produziert, sorgsam auf die Finger geachtet. Man hat nur zehn, und die wachsen nicht nach.

Nun lodert es heiß im Aztekenbauch, bald bildet sich eine Glutschicht, auf die immer wieder einmal ein Scheit Holz gelegt wird. Ruhe kehrt ein, es ist wohlig warm, neben mir auf der Wiese der Rotwein, ich schaue in die Flammen. Wie sie züngeln, am Holz entlang lecken, es färben, entzünden, auffressen. Ich freue mich am Feuer, die Lust darauf ist fast so alt wie der Fortpflanzungstrieb. Warum geht jemand zur Feuerwehr? Weil man da mit Feuer umgehen darf, viel weniger wegen der Wehr. Kaum eine Institution hat so wenig Nachwuchsprobleme wie diese. Oft genug stand in der Zeitung, daß nach vielen Bränden ein Angehöriger der Wehr als Brandstifter entdeckt wurde.

Ich kann das verstehen, sitzt doch das Zündeln der Menschheit sehr tief in den Knochen. Aber keine Sorge, ich habe einen allumschließenden Aztekenbauch vor mir, lege sacht ein weiteres Scheit hinein, bin weit entfernt von Brandrodung, Flächenbrand, Brandschatzung. Ich schaue in die Flammen, denke an früher, heute, übermorgen, an die Ähnlichkeit des Menschen mit dem Holzscheit. Vom Hüter des Feuers hinein geworfen, brennt der Mensch eine kurze Weile, wärmt jemanden, erhellt ihm die Nacht, vergeht zu Asche, hat gerade noch geschafft, das nächste Scheit zu entzünden.

Ich sitze schon lange Zeit, diese so vergänglich wie mein Feuer. Das eine verglimmt, die andere verrinnt. Doppelt wertvoll beides, weil faktenlos diese und jenes zweckfrei an sich. Selbst den Wein vergaß ich zu trinken.


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Amun