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Ge-Wein-samkeiten

LESEPROBE

Wein in Berlin

Gleich zum ersten Mal, als wir dies ohne das Risiko eines Fangschusses im Todesstreifen und zwei Jahren DDR-Zuchthaus riskieren konnten, sind wir nach "Berlin-West" zur "Grünen Woche" am Funkturm gefahren, sind eingetaucht in die Überfülle des Angebotes, haben kilogrammweise Prospekte gesammelt, wieder liegen lassen, neue gegriffen und erneut verworfen.

Die Winzer vom Neckar luden zur Weinprobe mit fünf Unbekannten. Viel Wein war zu gewinnen bei fünf Richtigen. Wir haben es versucht, aber unsere Zungen waren noch zu ungeübt. Da sie uns aber als exotische Sachsen verrieten, durften wir gleich die Probiergläser behalten und erhielten reichlich nachgeschenkt.

Auch den "Edlen vom Mornag" aus dem fernen Tunesien sollten wir versuchen, samtige Süße und der Duft einer fernen, unbekannten Welt. Zu Hause würden wir nachsehen, wo genau denn das überhaupt liegt.

Unser Hunger regte sich, aber das Westgeld war knapp. Die wenigen D-Mark, die wir am Zwangsumtausch in "Forum-Schecks" vorbeigerettet hatten, gaben wir für gedünstete Champignons aus. Die waren so schmackhaft und heftig mit Knoblauch durchsetzt, dass wir anschließend mit einer Riesenfahne infernalischen Gestanks vor uns her weiterzogen.

Als wir dem werbenden Winken einer ostasiatischen Schönheit zögernd folgten, bei ihr Ginseng-Schnaps zu probieren, um zu erleben, dass uns das sofort verjüngt, haben wir ihr mit unserem Knoblauchgeruch ein solches Entsetzen zugemutet, dass ihre sprichwörtlich stets freundlichen Gesichtszüge zur Grimasse entgleisten. Sie hat uns angewidert aus sicherer Entfernung ihren Ginsengschnaps kredenzt in dem sicheren Gefühl, "Perlen vor die Säue zu werfen".

Auf diesen Schreck mußten wir noch einen Wein probieren. Auch die Winzer vom Rheingau schnüffelten leicht irritiert, als wir nahten. Sie schenkten aber ihren Riesling locker aus und "hesselten" zu uns herüber, dass wir Sachsen auch schon wüssten, was gesund sei, aber es mache eben einsam. Nie wieder haben wir Knoblauch gegessen, wenn wir "Westkontakte" aufnehmen wollten.

Wir müssen so verfressen zu ihnen hingeschaut haben, einer weinfröhlichen Runde mit Riesenholztellern voller Schinken vor sich, dass die Leute das sofort bemerkten, uns lauthals anhielten und mit Schinken fütterten.

Schöne unschuldige "Grüne Woche" im Jahr 1990. Da wusste noch niemand etwas von BSE, da gab es noch keinen Gammelfleischskandal. Auch Weintrinken war noch ungefährlich. Dem lieben Gott und den Winzern sei Dank. Und das bisschen Frostschutzmittel Glykol haben wir mühelos überlebt.


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Amun