Die Bücher
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Tiere lügen nicht

LESEPROBE

Der Büchernarr

Die Finken sind eine weitverzweigte Sippe. Sie bewohnen als Singvögel in ganz Europa Wälder, Gärten, und betätigen sich als Strichvögel, durchstreifen in kleinerem Umkreis ihre Heimat auf Nahrungssuche. Alle Finkenfamilien haben ihre Eigenarten, Besonderheiten, unterschiedliche Gefiederfärbungen. Der Kreuzschnabel versteht sich gut mit dem Gimpel, der Kernbeißer lebt mit dem Zeisig in Frieden. Stieglitz und Hänfling teilen sich das Revier, ein Girlitz fügt den Sperlingen kein Leid zu.

Aber eine Sorte von Finken stellt eine Ausnahme dar, kümmert sich kaum um die andere Sippe, ist eigenbrötlerisch zu nennen. Der Buchfink hat nur Sinn für das Buch, er lebt sozusagen bibliophil, hat sich den nachdenkenswerten Namen Fringilla coelebs zugelegt, denn, so weiß er von den alten Lateinern, coelebs heißt ehelos, unvermählt. Ganz so traurig kann es beim Buchfink trotz des Namens aber auch nicht zugehen, denn sonst wäre er ja längst ausgestorben. Aber viel Zeit nimmt er sich für seine Finkin nicht, denn der Buchfink schätzt schöne, kostbare, alte Bücher über alles, gibt alles, um sie zu erwerben, weshalb er ja auch so heißt, Buch-Fink eben.

Als Strichvogel sondert er sich von den Stand- und Wandervögeln ab, ist immer auf der Suche nach dem nächsten Buch. Er ist inzwischen bei den anderen Vögeln als eine Art Bibliomane verschrien. "Der Buchfink hat doch eine Meise", tschilpen die Spatzen spöttisch, "seine Buchsammelwut ist krankhaft." "Pink, pink, pink", so schlägt der Buchfink lauthals dagegen, "fand ein Buch geschwind, bin glücklich, lese es jetzt flink."

Die Ammer flötet dem Stieglitz leise über den Zaun: "Jetzt hat den der Finkenschlag getroffen, diesen arroganten Bibliophagen, alten Buchfresser, den! Dann schon lieber auf den Strich fliegen!" "Ihr seid doch bloß zu blöd fürs Buch", schimpft der Buchfink zurück, "ihr jämmerlichen Fernsehfinken, wahrscheinlich könnt ihr gar nicht lesen", wetzt seinen Kegelschnabel liebevoll an einem ledernen Buchrücken. "Ihr fliegt auf den Strich, denkt dabei immer nur an das eine, ich aber immer an ein Buch", läßt er sich ärgerlich vernehmen.

Der Dünkel des Buchfinken erregt die Bergfinken so sehr, dass sie sich in einem Riesenschwarm auf ihrem Berg versammeln, ihre orangegelben Brustlätze aufplustern und allen anderen Vögeln zurufen: "Quäk, quäk, quäk, wo hat denn der Buchfink die Bibliothäk?"

Denn noch nie hatte ein anderer Vogel den Buchfink je mit einem Buch gesehen. Und am ehesten erledigt man einen unliebsamen Buchfinken, indem man ihn verleumdet. Das hatten die Kreuzschnäbel bei den Menschen gelernt. Die Kernbeißer fanden das in Ordnung und bissen kräftig mit zu.

Der Buchfink war zwar irritiert, aber da er in der Vogelwelt weder scharf auf öffentliche Anerkennung war, noch einen Sitz im Fringilla-Parlament anstrebte, zog er sich stolz mit seiner Bibliophilie in sich selbst zurück und dachte mehr, als dass er es hören ließ: " Wenn diese komischen Vögel wüssten, dass ich ein Bibliotaph bin, der seine vielen Bücher an geheimen Stellen aufbewahrt, die wären alle vor Neid und Missgunst flugunfähig. Sie werden nie erfahren, wo meine Schätze ruhen. Niemals im Leben würde ich ein Buch verleihen. Sicher versteckt wie im Grab sind meine Bücher, mein Geheimnis, mein ganzes Glück!"


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Amun