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Glückwünsche und andere Unverschämtheiten

LESEPROBE

Positive Fehlentscheidung

Als Nachbarkinder haben wir miteinander gespielt, Schneehütten erbaut, uns gestritten. Als Erwachsener ist H. vom Dorf weggezogen nach Dresden. Seine Frau wollte es so.

Das Nachbarhaus kauften fremde Leute. Als im Frühjahr der Frost aus dem Boden wich, fiel bei Nachbars ein dort aufgetürmter Ziegelhaufen um und stützte sich an unserem Gartenzaun ab. Die Tochter des Nachbarn sollte es richten. Meine Frau beobachtete sie bei ihrem Schund und rief unseren Sohn, er solle ihr doch helfen. Gesagt, getan. Mit weitreichenden Folgen. Wir freuen uns inzwischen über fünf prachtvoll gedeihende Enkelkinder, und Emma, die Urenkelin, war gerade eben zu Besuch bei uns. Die Ziegelturmaufrichter feierten Silberhochzeit.

Nach etlichen Jahrzehnten entdeckte H. meine Internetseite und rief mich an. Es wurde ein sehr langes nostalgisches Gespräch. Er bestellte eines von meinen Büchern, ich schickte es ihm. Aus Freude sandte ich ihm dazu eine selbst gefertigte Begleitkarte mit dem Abbild seines Vaterhauses. Er rief erneut an, war ganz gerührt, teilt mit, meine Karte habe ihn an all seinen Schmerz erinnert, beklagte sich bitter, er habe schon ewig bereut, dass er damals auf seine Frau gehört und nicht das Elternhaus übernommen habe. Er sei doch stets ein Dorf- und Gartenmensch geblieben, habe sich in Dresden nie richtig wohl gefühlt, aber nun sei ja sowieso alles zu spät. Ich habe ihn am Telefon zu trösten versucht, dabei aber ein unverschämt sardonisches Lächeln im Gesicht getragen.

Was wäre geworden, wenn H. damals sein Elternhaus übernommen hätte? Das Ziegelturmpaar wäre sich nie begegnet, wir Alten säßen ohne Enkel vereinsamt herum, hätten Emma nie erlebt, wären nie zur Silberhochzeit geladen worden.

So aber ist alles wunderbar, und deshalb danken wir alten Schmidts dem H. für seine Fehlentscheidung und ganz besonders herzlich seiner Frau, dass sie partout nicht aufs Dorf ziehen wollte.

Amun